Der Klassenhund - Die Idee oder "Wie alles begann"
Im Sommer 2002 übernahm ich eine dritte Klasse, die als besonders schwierig galt. „Du schaffst das schon!“, hört sich eigentlich recht harmlos an, schließlich sind die Kinder mal gerade 8 Jahre alt. Doch als dann die Kollegin im Musikfachunterricht einen Schülertritt vors Schienbein bekam und als Nutte beschimpft wurde, da begann ich zu ahnen, dass mir eine ganz besondere Herausforderung ins Haus stehen würde.
Zunächst einmal organisierte ich eine Klassenkonferenz für den besagten Schüler. Die beschlossenen Maßnahmen zeigten jedoch nicht viel Wirkung. Meine Chaotenbande blieb der Schrecken des Kollegiums, der Alptraum der Fachlehrer und die tägliche Herausforderung für mich als Klassenlehrerin. Schlägereien waren bei den Jungen an der Tagesordnung, die Mädchen machten den Mund nicht auf und die Lehrer pochten vergebens auf die Einhaltung der Regeln für Pause, Sport, Bushaltestelle, Unterricht, Schulhof...
Das allein brachte mich noch nicht auf den Hund
Hinzu kam eine Anfrage von der Uni Köln. Eine angehende Sozialpädagogin plante ihre Diplomarbeit zu dem Thema: „Hund im Klassenzimmer“ und suchte nun ein Opfer. Da jeder im Kollegium von meinen Bulldogs weiß, landete der Zettel aus dem Sekretariat auf meinem Tisch und nach kurzer Absprache sagte ich zu.
Und so kam Anca von der Hundeschule Burg zu uns – eine große schwarze Rottweilerhündin, perfekt ausgebildet. Besonders die Tricks zum Dog Dancing machten den Kindern viel Spaß.
Jeden Freitag in den beiden ersten Stunden lernten sie nun Verhalten und Bedürfnisse des Hundes kennen, mussten Rücksicht nehmen und einfache Regeln einhalten und begannen, ihre Körpersprache mehr und mehr zu kontrollieren.
Im Verlauf dieses Projektes wurden wichtige Inhalte über das Lebewesen Hund vermittelt. Neben Domestikation, Rassekunde, sowie Lern- und Arbeitsverhalten des Hundes war wesentlicher Bestandteil des Projektes das Verständnis für die Sprache des Hundes zu wecken.
Angepasst an Alter und Entwicklungsstand stand der Kontakt mit dem Hund im Vordergrund. Erlernt wurde vor allem die positive Annäherung sowie angemessenes Verhalten zur Vermeidung von unerwünschtem Kontakt.
Verständnis und Respekt vor dem anderen Lebewesen waren dabei ausschlaggebend und die soziale Kompetenz der Gruppe wurde gefördert. Der Einblick in die Möglichkeiten tiergestützter Pädagogik hat mich zu einer überzeugten Anhängerin gemacht.
Das Projekt zog sich über 5 Treffen jeweils 2 Schulstunden einmal wöchentlich mit anschließender Anwesenheit des Hundes und der Begleiter bis zum Unterrichtschluss an diesem Tag.
Während jedes Treffens wurde im Verlauf einer Doppelstunde ein Themengebiet erarbeitet, das Wissenswertes über Hunde vermittelte. Themenbezogene Unterrichtsmaterialien wurden zur Verfügung gestellt.
Nach dem Unterricht verblieb das Team noch am Vormittag in der Klasse, übernahm jedoch keine direkte pädagogische Arbeit mehr. In dieser Zeit förderte der Hund die soziale Kompetenz der Kinder. Erlernte Umgangsformen mit dem Hund wurden automatisiert und auch im Verhalten zu Mitschülern umgesetzt. Dadurch wurde die Bereitschaft und Fähigkeit zur Empathie entwickelt. Der Hund lief während des gesamten Projektes frei in der Klasse. Während der Pausen war er nicht auf dem Schulhof, sondern verweilte mit der Hundeführerin im Klassenraum.
Persönliche Beobachtungen
Für acht Wochen war ich nun in die Rolle des stillen Beobachters geschlüpft und stellte mit Verwunderung fest, wie selbstverständlich die Kinder Ancas Regeln einhielten, mit welchem Interesse sie mitarbeiteten und mit welcher Selbstdisziplin sie bemüht waren, den Unterricht wegen Anca nicht zu stören. Die größte Freude hatten sie, wenn Anca eine Rolle oder Männchen machte. Der absolute Renner aber war immer der Futterbeutel, den ein Kind zum Schluss der Stunde verstecken durfte und den Anca mit schlafwandlerischer Sicherheit immer wieder fand.
Wer sich genau informieren möchte, dem empfehle ich das Buch:
Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie.
Kosmos Verlag
ISBN 3-440-09474-X
Ein Klassenhund mit Namen Wanda
Als Anca ging, kam Wanda. Die große schwarze Anca war perfekt erzogen, kam immer freitags in den ersten beiden Stunden und brachte in Begleitung ihrer Besitzerin den Kindern viel Wissenswertes über den Hund bei. Ich denke, ich kann sagen: es hat allen viel Spaß gemacht!
Wanda, die kleine gestromte Bulldoghündin mit dem weißen Kopf, hatte gerade mal die Welpenspielstunde absolviert und war überhaupt nicht erzogen. Sie fand Kinder einfach nur toll und liebte deshalb auch die Schule über alles. Für sie war der Schultag ein einziges Abenteuer und das Klassenzimmer eine große Spielwiese.
So transportierte sie z.B. gefundene Kleidungsstücke wie Handschuhe oder Mützen schnell zu ihrer Decke, um sie dort gründlich voll zu sabbern. Als sie feststellte, dass dann meist auch ein Kind angelaufen kam, trug sie ihre Beute so lange hoch erhobenen Hauptes durchs Klassenzimmer, bis sie endlich entdeckt und verfolgt wurde. Fand sie keine Kleidungsstücke auf dem Boden, so zog sie Schal oder Jacke einfach vom Stuhl.
Seitdem hing die Garderobe der Kinder draußen am Haken, wo sie auch hingehörte!
Stifte und andere Gegenstände, die statt im Mäppchen auf der Erde herumlagen, biss sie kurzerhand kaputt. Als es einmal Streit um einen gefundenen Radiergummi gab, weil der Finder behauptete, dass das, was man findet, einem auch gehört, da entdeckte die Hündin unter dem Tisch dieses Schülers einen Filzstift. Sein Schicksal war natürlich sofort besiegelt und als der Besitzer empört schimpfte, da meinte ein Mitschüler nur: „Was Wanda auf dem Boden findet, das gehört ihr!“
Seitdem bemühten sich die Kinder um Ordnung auf ihren Tischen und machten einander aufmerksam, wenn etwas zu Boden gefallen war.
Wenn die Schüler in eine Arbeit vertieft waren, zog Wanda von Platz zu Platz und versuchte, ihnen in die Augen zu sehen. Bekam sie den erhofften Blickkontakt, dann richtete sie sich am Stuhl auf und wollte gestreichelt werden. Und da waren dann Schüler, die sonst Mühe hatten sich zu konzentrieren und die sagten zu dm Hund: „Geh Wanda, ich muss rechnen!“ oder: „Wanda, du nervst!“ Lies ein Kind sich wirklich ablenken, so wurde es in den meisten Fällen von den Mitschülern ermahnt und bekam Ratschläge, wie man am besten das Verhalten des Hundes lenken und kontrollieren konnte: „Du musst das einfach ignorieren!“ oder: "Das darfst du nicht beachten!“
Seitdem gelang es einigen Kindern tatsächlich, sich besser zu konzentrieren und auch miteinander zu arbeiten.
Kam es zu lauten oder gar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, so verschwand Wanda entweder unter meinem Pult oder lief zu ihrer Box und wartete, bis sich die Lage wieder entspannt hatte. All die Kinder, die Beschimpfungen und Prügeleien bisher schüchtern und stillschweigend ertragen hatten, setzten sich nun mutig und energisch für den Hund ein: „Hör auf, du erschreckst den Hund!“ „ Lasst das, ihr macht dem Hund Angst!“
Und sehr oft gaben die Streithähne nach und gingen auf ihre Plätze, ja es kam sogar vor, dass sie sich bei Wanda entschuldigt haben.
Trotzdem kam es natürlich auch mit Hund immer mal wieder vor, dass ein Streit eskalierte. Dann sperrte ich Wanda in ihrer Box ein und brachte sie am nächsten Tag nicht mit zur Schule. Die Kinder reagierten zunächst überrascht, durchschauten aber dann den Zusammenhang und bemühten sich um ein friedlicheres Miteinander, damit ihre Wanda wieder zurückkommen durfte.
Seitdem gelang es den Kindern immer besser, einen Streit schon vor dem Ausbruch zu schlichten, damit Wanda bei ihnen bleiben konnte.
So konnte ein ungezogener Hund einen Teil dazu beitragen, die Kinder zu einer Gemeinschaft zu erziehen und aus dem Spruch: „Wir sind die schlimmste Klasse der Schule!“ wurde am Ende: „Wir sind die Klasse mit dem Hund!“
Zusammenfassend möchte ich für die ersten 8 Wochen festhalten:
1. Die Kinder lassen sich von der Anwesenheit des Hundes im Unterricht nicht ablenken, bei einigen Schülern ist sogar ein konzentrierteres Arbeiten zu beobachten.
2. Die Stimmung im Klassenzimmer hat sich deutlich zum Positiven gewandelt. Es geht ruhiger und rücksichtsvoller zu.
3. Ein Wir-Gefühl beginnt sich zu entwickeln, der Kontakt zu Schülern anderer Klassen wird freundschaftlicher, man spricht über den Hund.
4. Das Lernen wird positiv durch den Hund beeinflusst, die Schule macht Freude, weil der Hund viel Lebensfreude ausstrahlt und oft Anlass zur Fröhlichkeit gibt.
5. Meine Person als Besitzerin des Hundes gewinnt in den Augen der Kinder ein besonderes Ansehen.











